Von eBooks und analogen Metaphern


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Was sind Bücher in einer digitalen Welt?

fragt Leander Wattig beim Upload-Magazin. Meine kurze, ketzerische Antwort: Eine überflüssige Kategorie.

Es erscheint mir wenig sinnvoll, einen Begriff, der inhaltliche und formale Aspekte mit Bedingtheiten klassischer Medien und Distributionssysteme verknüpft, in der digitalen Welt überhaupt weiterzuführen. Die ursprüngliche Definition dessen, was »Buch« bezeichnet, ist untrennbar verbunden mit kategorischen Abgrenzungen, die in der neuen Medienwelt ihre Bedeutung verloren haben.

Ein universelles Medium stellt die Inhalte in den Vordergrund

Die zunehmende Medienkonvergenz führt dazu, dass in Zukunft alle möglichen Medien- und Wiedergabeformen beliebig miteinander kombiniert werden können. Trägermedien und Übertragungswege werden künftig nur noch Komponenten einer universellen technischen Infrastruktur sein. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht rückt daher der Inhalt und seine Vernetzung umso mehr in den Vordergrund, die Medienform* und die Periodizität richten sich nicht mehr nach dem technischen Medium, sondern nach diesem Inhalt.

Es sind also nicht nur einfach die Begriffe und Bezeichnungen, die sich ändern, sondern die Kategorien. Kernfunktionen, mediale Vermittlungsleistungen können von der analogen in die digitale Medienwelt übertragen werden, Funktionsweisen und Wirkungsbereiche jedoch nur punktuell und sehr begrenzt. Das gilt für ökonomische, kulturelle und journalistische Aspekte des Medienbetriebs gleichermaßen.

In der Konsequenz aus diesen Überlegungen ist zu erwarten, dass zukünftig die Frage nicht lauten wird: »Website oder eBook?«, ebensowenig wie »Blog oder Zeitung?«, sondern eher »Roman oder Hintergrundartikel, Tagebucheintrag oder Essay, Hörbuch oder Handbuch?«. Schließlich können eBook-Reader auch aktuelle und periodische Inhalte darstellen, die Geschäftsmodelle der Anbieter setzen zu einem wesentlichen Teil darauf. Das Alleinstellungsmerkmal von eBook-Readern ist ja nicht die (technisch bedingte) Beschränkung auf textuelle Darstellungsformen, sondern die angenehme, natürliche Anzeige und sehr lange Akkulaufzeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch Endgeräte geben wird, die diese Vorteile mit der Fähigkeit von TFT-Displays verbinden werden, auch Bewegtbilder flüssig und in Farbe wiederzugeben.

Analoge Funktionsmetaphern stoßen an ihre Grenzen

Spätestens dann wird die Analog-Metapher des eBooks ausgedient haben. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal von dann universellen Endgeräten wird Größe, Eingabeform und Design sein. Die Einbürgerung der Bezeichnung eBook für in mal mehr, mal weniger universelle Container-Dateiformate eingebettete graphisch-textuelle Inhalte ist nicht etwa einer tatsächlichen Notwendigkeit der Fortführung oder Übertragung dieser Kategorie geschuldet. Eher schon entspringt sie der menschlichen und nicht zuletzt marketingtechnischen Natur, durch Stereotypen zeitnah einem Orientierungsbedürfnis entgegenzukommen. Doch wie es Stereotypen so an sich haben, nimmt ihr Nutzen nach der anfänglichen Einordnung rapide ab.

In der Kultur- und Technikgeschichte finden sich zahlreiche Beispiele, bei denen der Verlagerung einer Kernfunktion auf ein ungleich komplexeres und leistungsfähigeres, und daher eher wesensfremdes technisches System zunächst mit einem Vergleich begegnet wird. Ein ganz aktuelles Beispiel dieser Art, bei dem wir gerade erst anfangen, uns von den alten Funktionsmetaphern zu trennen: Die E-Mail. In ihren Anfängen Mitte der 70er Jahre war die Analogie zur guten alten Post das einzig naheliegende. Und obwohl uns das Wort E-Mail inzwischen (oder: noch) ganz selbstverständlich über die Lippen gleitet, ist bereits ein Trend weg von dieser im Grunde ziemlich anachronistischen Metapher erkennbar: Instant Messenger, Twitter und die Sofortnachrichten sozialer Netzwerke ersetzen in immer mehr Nutzungsszenarien die E-Mail. Es werden »Messages« oder »Nachrichten« verschickt, keine Mails. Google hat vor kurzem den Dienst »Google Wave« vorgestellt – mit dem Anspruch, die gute alte E-Mail zu beerben. Von Mails ist auch dort an keiner Stelle die Rede. Selbst der Begriff »Nachricht« stößt bei diesem Konzept an seine Grenzen, weshalb Google die ausgetauschten, von jedem Kommunikationsteilnehmer editierbaren Informationseinheiten eben als »Waves« bezeichnet.

Eingerissene Grenzen geben den Blick aufs Wesentliche frei

Das atemberaubende am Medienumbruch, den wir derzeit erleben, ist, dass ausnahmslos alle – auch bislang völlig unabhängige Formen der Kommunikation – gemeinsam betroffen sind, und wie umfassend dabei mediale Kategorien verschwinden, die bisher als Orientierungsraster für Abgrenzungen, Definitionen und ganze Erklärungsmodelle herhalten mussten. Das führt auf der einen Seite dazu, dass auch bisherige Vermittlungs- und Finanzierungsmodelle ins schwanken geraten. Auf der anderen Seite – und das ist meiner Meinung nach eine riesige Chance – geben diese eingerissenen Grenzen den Blick auf die wesentlichen Fragen zur Funktionsweise und den Aufgaben kultureller Güter frei. Wenn – zum Beispiel – nicht mehr das Trägermedium den Grad an Aktualität vorgibt, wird Entschleunigung zugunsten einer vertieften Analyse zu einer bewussten Entscheidung.

Leander schreibt:

[...] Eine Abgrenzung fällt auch insofern schwer, als dass sich die Art der Darstellung von Inhalten derzeit enorm wandelt. Wir leben zunehmend in einer Welt der Echtzeit-Streams. Hier könnte ein Charakteristikum von Büchern sein, dass sie stetig sich verändernde Inhalte aus dem “Stream” herausfischen und fixieren. Letztlich haben Bücher genau das schon immer getan. Nur dass der “Stream” früher ausschließlich durch die Massenmedien sowie die Köpfe und Gespräche der Menschen floss. Natürlich floss er auch langsamer.

Diese Beschreibung einer Welt der »Echtzeit-Streams« ist tatsächlich ziemlich passend. Aber ich glaube nicht, dass Entschleunigung ein Alleinstellungsmerkmal für eBooks ist. Echtzeit und Entschleunigung können im Web parallel oder sogar verknüpft bestehen. Dass Romane in der Regel nicht auf Webseiten veröffentlicht werden, liegt wohl vor allem an den fehlenden Kontrollmöglichkeiten (Stichwort DRM und Gerätebindung). Gemeinfreie Werke, Online-Handbücher, Essays, Sammlungen wie das von Leander Wattig angesprochene »Nach 100 Jahren« (eine Sammlung von Briefen der Schriftstellerin Annette v. Droste-Hülshoff in Blog-Form) — das sind Inhalte, die nicht auf Aktualität setzen, in der analogen Welt in Form von Büchern erschienen wären und in der digitalen Welt trotzdem ausserhalb des eBook-Begriffs bestehen können.

* im Sinne der Modalität und der Kodalität, also der angesprochenen menschlichen Sinne und der verwendeten Symbolsysteme: Text, Bild, Ton, Video und Kombinationen, abgekoppelt von technischen Verbreitungswegen und Wiedergabeformen

Geschrieben in Allgemeines

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